Kurzgeschichte “Lange Nacht”

Lange Nacht

Er stand still. Stand mit verschränkten Armen reglos da und starrte durch die Scheibe. Manchmal ging eine Schwester an ihm vorbei und warf ihm einen mitleidigen Blick zu, eine hatte auch schon versucht mit ihm zu reden, ihn dazu zu bewegen, sich hinzusetzen. Er wollte nicht. Er wollte an der Scheibe stehen bleiben, als ob er durch das Zuschauen noch einen Überblick, eine Kontrolle behalten könnte.

Lydia. Sein Kind, sein einziges Kind, das Kind das ihrer Mutter Tina immer ähnlicher sah, je älter sie wurde, ihr immer ähnlicher wurde, sogar ihren Dickschädel hatte sie geerbt. Er würde nie vergessen, wie eine damals sechsjährige Lydia mit hochrotem Gesicht versucht hatte, seine damalige Freundin Amanda mit der Spielzeugpistole einzuschüchtern, sein kleiner eifersüchtiger Trotzkopf. Wie viele Liebschaften hatte ihm dieses Gör eigentlich im Laufe der Jahre versaut? Er fühlte eine Träne über seine Wange fliesen. Nein, wenn er genau darüber nachdachte war sie nie wirklich schuld daran gewesen, es hatten sich immer lauter Kleinigkeiten zu einem großen Ärger summiert. Zu seiner Tochter hatte er ein gutes Verhältnis, er hatte es irgendwie geschafft, sie halbwegs zu erziehen.
Tina war gestorben als Lydia gerade ein Jahr alt war, Tina war depressiv gewesen, der Arzt hatte ihr damals Psychopharmaka verschrieben. Warum war niemandem aufgefallen, daß es ihr schlecht genug ging um die ganze Packung auf einmal zu nehmen? Ihm fiel ein, daß er das Rezept in der Apotheke eingelöst und seiner Frau die Tabletten mitgebracht hatte. Ein paar Tage später brach seine Welt in sich zusammen, als er von der Arbeit kam… Aber er hatte noch Lydia gehabt, ein Kind war immer ein Grund zu leben, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen.

Er liebte seine Tochter, und er hatte immer versucht, ihr die realisierbaren Wünsche zu erfüllen. Zu ihrem 18. Geburtstag hatte er ihr die ersehnten Führerscheine geschenkt, Auto und Motorrad, den kleinen Roller hatte sie schon zum 16. bekommen, er verdiente genug um ihr einmal im Jahr ein derart großes Geschenk zu machen, und seine Eltern hatten auch einen Teil beigesteuert. Sie fuhr nicht wirklich gerne Auto, manchmal borgte sie sich am Wochenende seinen BMW, aber sie nannte ihn ein Schlachtschiff, fand ihn zu groß und zu protzig, und sie hatte beim Parken schon den einen oder anderen Kratzer in der Sonderlackierung hinterlassen. Er hatte sie schon mehrmals gefragt, warum sie das Piepsen der Abstandskontrolle so standhaft ignorierte, es aber nie herausgefunden, und er ging inzwischen davon aus, daß sie einfach die Musik zu laut hatte.

Sie war lieber bei ihrem Roller geblieben, und zu ihrem 19. Geburtstag hatte sein Bankkonto es ihm gestattet, ihr dieses Motorrad zu kaufen. Es war ein schöner Tag gewesen. Er hatte seine ahnungslose Tochter in den Verkaufsraum des Motorradhändlers geschoben und sie aufgefordert, sich eines auszusuchen, der Preis spielte keine Rolle, sie hatte ihn nie um ein eigenes Auto gebeten, ihr großer Traum war immer ein Motorrad gewesen, den hatte er ihr an diesem Tag erfüllen können. Er erinnerte sich an ihren fassungslosen Gesichtsausdruck, an den freudigen Aufschrei, den Schwung, mit dem sie ihm um den Hals gefallen war. Eine schöne, voll verkleidete Maschine hatte sie sich ausgesucht, es hatte teurere gegeben, schnellere, aber sie hatte sich in genau diese verliebt.

In diesem Moment war das Motorrad Schrott, nur noch ein verformter Klumpen Metall. Vor ein paar Stunden noch hatte sie die Arme um seinen Hals geschlungen und ihn um Geld gefragt, Geld zum Tanken. Sie wäre niemals so weit gekommen, hätte er ihr nicht gutmütig die neue Tankfüllung spendiert. Er starrte geradeaus, fixierte sein Spiegelbild in der Glasscheibe, hätte am liebsten in sein eigenes Gesicht geschlagen. Er schrak zusammen, sah wieder durch sein Bild hindurch, beobachtete die Bemühungen des OP-Teams.

Seine Mutter hatte ihm endlose Vorträge gehalten, wie er dem Kind dieses gefährliche Hobby finanzieren könne. Er hatte gelacht, hatte abgewehrt, sie liebte es doch so sehr, und Lydia war kein leichtsinniges Wesen. Außerdem war er in jungen Jahren selbst eines gefahren, wie also könnte er es ihr verbieten? Seine Mutter saß wenige Schritte entfernt auf einem dieser Plastiksitze, starrte an die Wand, weinte, sie machte ihm keine Vorwürfe, das tat er selbst schon zur Genüge. In ihm tat alles so weh. Er hatte Lydia vorhin die Autoschlüssel hingehalten, ihr den Wagen angeboten, es war schließlich ein kalter Tag, aber sie hatte nicht gewollt, stur wie ein Maulesel, wenn sie wie ein bockiges Gör schaute wollte sie eben nicht. Er erinnerte sich genau wie sie vor ihm gestanden hatte, bereits in voller Motorradkleidung, den Helm in der Hand, dieser sture Blick. Er hatte resigniert, sie einen kleinen Dickschädel genannt, wusste noch genau, daß er durch ihre roten Haare gewuschelt hatte, als er an ihr vorbeigegangen war um das Portemonnaie zu holen. Es war, als ob er das feine Haar noch an seinen Fingern spüren konnte.

Ohne den Umweg zur Tankstelle wäre sie nie diese Strecke gefahren, wäre sie niemals diesem betrunkenen Autofahrer entgegengekommen. Wie viele Zufälle konnte er ertragen? Nach den Reifenspuren auf der Straße hatte sie noch gebremst, Lydia musste noch versucht haben, der Kollision auszuweichen, aber sie hatte keine Chance gehabt. Bei seinem Wagen hätte die Knautschzone viel abgefangen, der Airbag sie vor dem schlimmsten bewahrt. Bei ihrem Motorrad war sie selbst die Knautschzone gewesen, und mangels Airbag war ihr kleiner Körper blutend und halb zerschmettert auf dem Asphalt aufgeschlagen. Sie trug relativ hochwertige Schutzkleidung, trotzdem hatte sie sich fast alles gebrochen, und sie blutete, sein Kind blutete.

Er stand reglos da, die Arme verschränkt, die Hände krampfhaft in die Unterarme geklammert, stand er still.

Datum: Montag, 1. Oktober 2007 0:34
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Ein Kommentar

  1. 1

    Oh God … und ich dachte immer deine EMails sind Kurzgeschichten!

    Du kannst ja auch noch länger! :lol:

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